LiteraTipps

Hier gibt es unsere Tipps aus der schönen Welt der Literatur. Nicht unbedingt das, was man erwarten würde. Sondern Literatur, die eigen, neu, lesenswert ist.

 

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 LiteraTipp No. 1
Verena Güntner: Es bringen

 

Verena Güntner, 1978 in Ulm geboren, studierte Schauspiel an der Universität Mozarteum in Salzburg. Vier Jahre lang war sie festes Ensemblemitglied am Bremer Theater, seit 2007 ist sie als freischaffende Schauspielerin regelmäßig auf den Bühnen des Staatstheaters Wiesbaden und des Theaters Bonn zu sehen.
2012 erreichte sei mit einem Auszug aus dem Roman Es bringen die Finalrunde beim OpenMike in Berlin, 2013 machte sie den dritten Platz beim MDR-Literaturpreis und im selben Jahr gewann sie im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs den renommierten Kelag-Preis. Verena Güntner lebt in Berlin.
“Es bringen” ist ihr erster Roman.

Kiepenheuer & Witsch Verlag € 18,99
als eBook € 16,99

Luis ist sechzehn und kein schmächtiger Zauderer, kein pickliger Pubertierender: Er ist ein Bringer. Er ist der Trainer und er ist die Mannschaft, das ist sein Motto, und er trainiert jeden Tag. Gerade erst hat er die Höhenangst besiegt, nach jahrelangem Üben auf dem Balkon der Siedlungswohnung, in der er mit seiner Mutter wohnt – 15. Stock, nichts für Anfänger.
Trainer und Mannschaft sein, zieht sich durch das Buch. Es ist der Gruppenzwang, die große Klappe und die Angst, durchzufallen. Es sind die Riten, nach denen bestimmte Dinge durchgezogen werden müssen, da sie sonst nicht(s) gelten. Und das gilt nicht nur beim Trinken, oder eher Saufen.
Bei den Girls gibt’s nichts mehr zu trainieren, bei den Fickwetten, die er mit den Jungs seiner Gang abschließt, gewinnt er fast immer. Nur mit Jenny vögelt er am liebsten privat, sie ist eine von den Guten. Manchmal besucht er Nutella, das Pony vom alten Autoschrauber Jablonski, aber heimlich. Das beste Mädchen allerdings ist Luis‘ Mutter, Ma, sie ist die Frau aller Frauen und hat die gleiche Zahnlücke wie er. Und dann ist da noch Milan, Luis‘ bester Freund, der ist der Chef der Gang und hat immer das letzte Wort, wenn’s um Aktionen geht. Für Milan würde Luis fast alles machen.
Verena Güntner erzählt diese Geschichtesehr direkt, offen, schonungslos, jedoch immer in einem leichten, heiteren Ton. Sie zeigt uns den Weg ins Erwachsenwerden und vielleicht noch viel wichtiger: Das Überwinden von Ängsten.

Hier ein Textauszug – mit freundlicher Genehmigung durch den Verlag:

“Es ist ganz einfach. Du brauchst einen Plan. Wenn du keinen Plan hast, geht alles den Bach runter. Das habe ich gerlent. Und wenn ich mal was gelernt habe, verlern ich es auch nicht wieder, ich bin ja nicht blöd. Wenn du nicht dumm sterben willst, musst du dir Sachen genau anschauen, sie üben, und zwar: bist du sie kannst.”

“Ich will nicht dumm sterben. ich will auch nicht ZU klug sterben, was manchmal passieren kann, ich kennen Leute, denen das passiert ist, und das ist übel, könnt ihr mir glauben. Nur eins weiß ich, Leute: Dumm  sterb ich auf keinen Fall.”

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 LiteraTipp No. 2
Christoph Aigner. Logik der Wolken.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004

 

Im reizvollen Spannungsfeld zwischen sprachlicher Stärke und zartgliedrigem (Selbst-)Mitleid, zwischen elementarem Sprachbild und hochartifiziellem, den Surrealismus nicht ausklammernden Wortspielen bewegt sich das Werk Aigners. Mit Ausnahme des eher rauh geratenen Romans “Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk.” ist Aigner stets als Repräsentant einer gegenwärtigen Sprachpoesie von nachgerade romantischem Zugriff zu sehen.
Christoph Wilhelm Aigner, geboren 1954 in Wels, lebt seit 1985 als freier Schriftsteller in Salzburg. Der Trakl-Förderpreisträger ist kein emsig Publizierender, seit seinem Debüt, dem Prosaband “Anti Amor” (1994) sind gerade einmal ein knappes Dutzend Werke erschienen, zuletzt 2006 “Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk.”

Nebel ragten in die Straße, als ginge diese hügelige Landschaft in Fetzen. Aber je höher ich in sie hinauffuhr, desto dichter wurde der Stoff, bis ich das abgeschiedene Dorf erreichte, das entblößt aus dem rundum drapierten hellen Musselin ragte und dem eine Festung aufgesetzt ist wie eine zu große und zu schwere Krone. Dort wurde ein Dilettantenkonzert mit Gitarren aufgeführt, geradezu eine Schändung des mit merkwürdigen Landschaftsfresken geschmückten Saals, und ich ging weg. Kam in eine Kapelle mit der Madonnenstatue im unruhigen Schein einer ans letzte Wachs sich haltenden Flamme. Dann ein Innenhof, rundum hoch bewachsen von Jasminranken mit tausenden weißen Sternen. Am Ende eines beleuchteten hohen Gangs öffnete ich das Fenster. Über die roten Dächer des Dorfs kroch und schwelte der Nebel, und teils waren nur die Kamine zu sehen. Da löste sich ein Nebelbrocken, ein aufgeblähter Magen, hievte sich hoch, schwenkte herum und schob sich fünf Armlängen entfernt allesverdeckend vor den Ausblick. In diesem Nebelmagen sah ich meinen Schatten unter dem Kreuz des darüberliegenden Fensters, und ich sah mir zu wie ich verging, grauer werdend, leichter, durchsichtiger und aufgelöst. Die Dächer kamen wieder zum Vorschein mit den großen und kleinen Kaminen, in die der Nebel hineinzuschlüpfen schien.

 

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 LiteraTipp No. 3
Axel Roitzsch. Der Redner.
Eine Novelle. Verlag Stellwerck, Würzburg

 

Ein kleines Bändchen, dieser „Redner“. Das Werk von dem Schriftsteller ist noch überschaubar, aber man darf sich in Gespanntsein üben: Axel Roitzsch und sein „Redner“. Feinschmeckerei auch das. Keine kraftvollen Gesten mit lautem Jugendjargon, nein. Der Redner Mercateles kommt in die Stadt, er soll über 300 Jahre alt sein und gilt als der beste Redner aller Zeiten. Taub ist dieser Redner obendrein und exzentrisch. Sein bester Freund ist ein Kanarienvogel, der mit ihm kommuniziert indem er mit dem Schnabel an des Redners Schädel morst. Erzählt wird aus der Sicht eines Gastes. Der hat sich eine Bühnenkarte gesichert und will, nachdem er eine Kindheit im Wald hinter sich hat, den großen Mercateles treffen.
Das gelingt ihm auch – in einer Handlung, die zwischen Märchen, Fantastik und dokumentarischer Fiktion einige Rösselsprünge wagt und, so möchte man glauben, mit dem wohlwollenden Blick solcher Literaursonderlinge wie Rabelais, Herzmanovsky-Orlando und Jean Paul gesegnet sind. Die Kapitel sind kurz und prägnant gebaut, jedes könnte für sich als Kurzgeschichte bestehen. Den großen Bogen spannt Roitzsch, indem er dem Leser immerzu den Boden unter den Füßen wegzieht. Nichts ist sicher, eine Stimmung von Traum und Unsicherheit bleibt in allem. Realität und Phantastik gehen Hand in Hand; die Sprache ist wie die Handlung wohltuend eigen, zeitlos, fernab aller Mode.

>> LINK zum Buch

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